Ein gutes Serverbetriebssystem muss mich nicht jeden Monat mit einer neuen Oberfläche oder spektakulären Funktionen überraschen. Im Idealfall erledigt es seine Arbeit so unauffällig, dass ich mich auf die Anwendungen konzentrieren kann, die darauf laufen.
Genau deshalb ist AlmaLinux für mich interessant. Die Distribution verbindet ein konservatives Enterprise-Linux-Fundament mit freiem Zugang, einer offenen Community und einem langen Lebenszyklus. In meinem Admin-Alltag ist AlmaLinux 9 inzwischen eine wichtige Plattform, während AlmaLinux 10 für neue und zukünftige Umgebungen zunehmend in den Fokus rückt.
Was ist AlmaLinux überhaupt?
AlmaLinux entstand als Reaktion auf das Ende des klassischen CentOS Linux. Wo CentOS früher als frei verfügbare, stabile Enterprise-Linux-Distribution eng an Red Hat Enterprise Linux – kurz RHEL – angelehnt war, übernahm CentOS Stream später eine andere Rolle: Es liegt entwicklungstechnisch vor RHEL und zeigt, was voraussichtlich in einer kommenden RHEL-Version landen wird.
Für viele Betreiber fehlte damit plötzlich genau das, was sie an CentOS geschätzt hatten: ein kostenloses, langfristig gepflegtes und möglichst kompatibles System für produktive Server. AlmaLinux möchte diese Lücke schließen.
Heute wird die Distribution von der gemeinnützig ausgerichteten AlmaLinux OS Foundation getragen. Das Projekt bezeichnet AlmaLinux als community-gesteuertes Enterprise Linux, das binär beziehungsweise ABI-kompatibel zu RHEL sein soll. Vereinfacht bedeutet das: Software, die für dieselbe RHEL-Hauptversion gebaut wurde, soll grundsätzlich auch unter AlmaLinux funktionieren.
Nicht mehr „Bug for Bug“
An dieser Stelle lohnt sich eine wichtige Unterscheidung. AlmaLinux wollte ursprünglich möglichst genau und sogar „Bug for Bug“ mit RHEL übereinstimmen. Nach Änderungen an der Veröffentlichung der RHEL-Quellen hat das Projekt dieses Ziel 2023 angepasst.
AlmaLinux strebt weiterhin Kompatibilität mit RHEL an, versteht sich aber nicht mehr als reine 1:1-Kopie jedes Pakets und jedes Fehlers. Dadurch kann das Projekt in bestimmten Fällen eigene Korrekturen früher aufnehmen oder zusätzliche Hardware unterstützen. Für mich ist das kein grundsätzlicher Nachteil. Entscheidend ist, dass Anwendungen zuverlässig laufen und Abweichungen transparent dokumentiert werden. Genau diese Transparenz erwarte ich von einem Open-Source-Projekt.
Warum ich AlmaLinux gerne einsetze
1. Ein System, das nicht ständig umgebaut wird
Auf einem Server ist „langweilig“ häufig ein Qualitätsmerkmal. AlmaLinux liefert keine permanente Jagd nach den neuesten Paketversionen, sondern setzt auf ein über Jahre stabiles Fundament. Schnittstellen und grundlegende Verhaltensweisen ändern sich nicht bei jedem Update. Das reduziert Überraschungen und erleichtert den planbaren Betrieb.
Das heißt nicht, dass die Software zehn Jahre lang ungepatcht bleibt. Sicherheitskorrekturen und ausgewählte Fehlerbehebungen werden in die vorhandenen Paketversionen zurückportiert. Eine niedriger wirkende Versionsnummer bedeutet deshalb nicht automatisch, dass bekannte Sicherheitslücken noch enthalten sind. Bei Enterprise Linux zählt nicht nur die sichtbare Upstream-Version, sondern der konkrete Paket- und Errata-Stand.
2. Vertraute Werkzeuge und ein großes Ökosystem
Wer mit RHEL, dem früheren CentOS oder anderen RPM-basierten Enterprise-Systemen gearbeitet hat, findet sich schnell zurecht: dnf, RPM-Pakete, systemd, SELinux, firewalld und die üblichen Verzeichnisstrukturen verhalten sich vertraut.
Das ist im Alltag mehr wert, als es zunächst klingt. Dokumentation, Automatisierung und vorhandenes Wissen lassen sich häufig weiterverwenden. Ob PostgreSQL, MariaDB, Webserver, Container, Jenkins oder klassische Middleware: Für das RHEL-Ökosystem existieren sehr viele Anleitungen und Herstellerpakete. Nicht jede Anleitung passt ungeprüft, aber der Ausgangspunkt ist meistens brauchbar.
3. Lange Wartungszeiträume
Server werden selten nur für zwei Jahre gebaut. Anwendungen, Datenbanken und betriebliche Prozesse bleiben oft deutlich länger bestehen. AlmaLinux orientiert sich deshalb an langen Enterprise-Linux-Lebenszyklen.
- AlmaLinux 8.10: Sicherheitsunterstützung bis 31. Mai 2029
- AlmaLinux 9.8: aktive Unterstützung bis 31. Mai 2027, Sicherheitsunterstützung bis 31. Mai 2032
- AlmaLinux 10.2: aktive Unterstützung bis 31. Mai 2030, Sicherheitsunterstützung bis 31. Mai 2035
Das sind die aktuellen Stände im Juli 2026. Wichtig: Innerhalb einer Hauptversion wird immer die aktuelle Minor-Version gepflegt. Ein dauerhaft auf einem alten Stand wie 9.5 eingefrorenes System erhält nicht automatisch denselben sinnvollen Gesamtzustand wie ein vollständig aktualisiertes AlmaLinux 9. Eine Hauptversion ist langfristig unterstützt – einzelne Minor-Releases sind aber keine voneinander getrennten LTS-Inseln.
Die offiziellen Lebenszyklen und Release-Stände dokumentiert das Projekt in den AlmaLinux Release Notes.
4. Community statt Lizenzschlüssel
AlmaLinux ist frei verfügbar und wird von einer Stiftung getragen. Für mich passt das gut zu dem Gedanken, die eigene Infrastruktur verstehen und kontrollieren zu können. Ich kann Systeme installieren, automatisieren und betreiben, ohne jede Instanz zunächst an ein Lizenzmodell binden zu müssen.
Kostenlos bedeutet allerdings nicht kostenloser Herstellersupport. Wer garantierte Reaktionszeiten, verbindliche Zertifizierungen oder einen einzelnen Vertragspartner benötigt, muss kommerziellen Support eines Drittanbieters einplanen oder prüfen, ob RHEL für diesen konkreten Einsatz die passendere Wahl ist.
Wo AlmaLinux nicht automatisch perfekt ist
So gerne ich AlmaLinux einsetze: Die Distribution ist kein magisches Betriebssystem, das jede Anforderung erfüllt.
- Konservative Pakete: Wer immer die neuesten Desktop-Anwendungen oder Entwicklerwerkzeuge benötigt, wird mit Fedora oder einer anderen schneller aktualisierten Distribution häufig glücklicher.
- Herstellerfreigaben: Manche kommerzielle Produkte sind offiziell nur für RHEL zertifiziert. Technische Kompatibilität und vertraglich zugesicherter Support sind nicht dasselbe.
- Hauptversionswechsel: Der lange Lebenszyklus verhindert nicht, dass irgendwann eine Migration von Version 8 auf 9 oder von 9 auf 10 ansteht. Solche Upgrades gehören getestet und geplant.
- Minimale Installationen: Ein schlankes Serverimage enthält bewusst wenig. Fehlt ein Werkzeug oder funktioniert eine Erweiterung nicht sofort, liegt das nicht immer an AlmaLinux selbst, sondern manchmal schlicht am gewählten Installationsumfang oder an einem nicht aktivierten Repository.
Gerade der letzte Punkt ist ein klassischer Admin-Moment: Man sucht eine komplexe Ursache und stellt irgendwann fest, dass lediglich ein Paket fehlt. Der Pinguin seufzt, installiert es und macht weiter.
AlmaLinux 9 oder AlmaLinux 10?
AlmaLinux 9 ist für mich derzeit die bekannte und breit erprobte Basis. Für bestehende Anwendungen gibt es viel Erfahrung, ein eingespieltes Paketumfeld und meist klare Migrationspfade. AlmaLinux 10 bietet dagegen den längeren verbleibenden Lebenszyklus, einen moderneren Kernel und aktuellere Plattformkomponenten.
Bei einer neuen Installation würde ich deshalb nicht pauschal eine Version nennen, sondern zuerst die Anwendung betrachten:
- Ist die Software für Enterprise Linux 10 freigegeben?
- Werden benötigte Pakete und Erweiterungen bereits angeboten?
- Gibt es Hardware- oder Treiberabhängigkeiten?
- Wie lange soll das System voraussichtlich betrieben werden?
Wenn alles passt, ist AlmaLinux 10 für neue Systeme eine naheliegende Option. Wenn eine geschäftskritische Anwendung bisher nur auf Version 9 getestet oder freigegeben ist, gewinnt Kompatibilität gegen Neuheitswert. Ein Server ist schließlich kein Distro-Hopping-Projekt.
Mein Fazit
AlmaLinux ist für mich dort stark, wo ein Betriebssystem vor allem eine verlässliche Grundlage sein soll. Es ist stabil, langfristig gepflegt, im RHEL-Ökosystem zu Hause und gleichzeitig frei sowie community-gesteuert.
Ich schätze daran besonders, dass ich mit vertrauten Werkzeugen arbeiten und das System trotzdem als Open-Source-Plattform betreiben kann. AlmaLinux nimmt mir nicht jede Entscheidung ab und erspart mir keine sauberen Updates, Tests oder Migrationskonzepte. Aber es bietet eine solide Basis, auf der genau diese Arbeit vernünftig möglich ist.
Und bei einem Serverbetriebssystem ist „solide“ manchmal das schönste Kompliment.
Stand der Versions- und Lebenszyklusangaben: 25. Juli 2026. Quellen: AlmaLinux Release Notes, Ankündigung von AlmaLinux 9.8 und 10.2 und The Future of AlmaLinux is Bright.